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Ich „zu dritt“ mit meiner Mutter

Ein Brief darüber, wie jemand seiner Mutter auch in ihrer psychotischen Erkrankung von Herz zu Herz begegnete.

Meine Mutter geht es schlecht, sie leidet an Verfolgungswahn, Psychose. Viele Jahre sahen ich und andere aus meiner Familie zu, wie es täglich schlimmer wurde. Sie sperrte sich zuhause ein, machte Schulden, hungerte, weil sie kein Geld mehr hatte, um sich Essen zu kaufen. Es war schwierig für alle Angehörigen tatenlos zusehen zu müssen, wie es ihr schlechter und schlechter ging. Intensiv redeten wir auf sie ein, sie solle zu einem Arzt gehen und sich behandeln lassen, aber sie weigerte sich. Ihre Krankheit stand zwischen mir und ihr und den anderen Angehörigen der Familie. Meine Kinder sah sie jahrelang kaum. Wir organisierten schließlich einen Sachwalter, der sich seither um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmert.

Als sie schließlich vom Sterben redete und tagelang telefonisch nicht erreichbar war, riefen mein Bruder und ich die Polizei. Rettung, Polizei und Feuerwehr öffneten die Türe zu ihrer Wohnung und brachten sie gegen ihren Willen in ein Spital. Ich habe diese Szene miterlebt. Es war schrecklich, aber was hätten wir in dieser Situation anderes unternehmen sollen?

Im Spital verbrachte sie mehrere Monate, die Corona-Pandemie brach aus, aber mein Bruder, ich und ihre Geschwister besuchten sie soweit das erlaubt war. Sie bekam Medikamente, die ihren psychischen Zustand stabilisieren sollten und nach einiger Zeit wirkte das auch. Sie wurde klarer, aufmerksamer, konnte anderen wieder zuhören, sich in andere hineinversetzen, befand sich nicht mehr in ihrer Fantasiewelt. Ja, sie war gedämpft, aber ich hatte sie in meinem Leben noch nie so empfindsam, aufmerksam erlebt. Vom Spital wechselte sie in ein Heim für psychisch kranke Menschen, dort blieb sie etwa ein Jahr. Sie hatte aber den Wunsch, wieder eine eigene Wohnung zu beziehen. Da ihr Zustand stabil und sie, zwar unter Einfluss von Medikamenten, aber doch sehr klar war, willigten ihre psychiatrischen Betreuer ein. Sie blieb in ärztlicher Betreuung.

Ich war anfangs skeptisch: Wie schlimm war es doch das letzte Mal geworden, als sie alleine gelebt hatte! Aber es war ihr Wunsch, den ihr niemand verweigern konnte. Sie zog wieder in eine eigene Wohnung, ich half ihr beim Einrichten. Und tatsächlich: Es ging ihr dort gut, sie lebte alleine, ihr Zustand blieb stabil. Ich konnte sie zu meiner Familie nachhause einladen, sie trat nach langer Zeit wieder in Kontakt mit ihren Enkeln. Ich bekam die Hoffnung, dass meine Kinder die Jahre, die sie mit ihrer Großmutter durch ihre Krankheit versäumt hatten, in irgendeiner Form aufholen könnten.

Meiner Mutter, sonst ein nicht besonders kirchennaher Mensch, begleitete uns im Sommer sogar einmal auf die jährlichen Familienferien von Comunione e Liberazione in die Berge und es gefiel ihr! Alles schien gute Wege zu nehmen. Zu Weihnachten wollten meine Frau, unsere Kinder und ich mit ihr aufs Land fahren. Kurz davor begannen aber Entwicklungen, die mir Sorge machten. Ich beobachtete, dass ihr die banalsten Situationen wieder unheimlich wurden, wie etwa, wenn sie Stiegen steigen musste. Nebenwirkungen der Medikamente, die sie nahm, ein gewisses Zittern in den Beinen, war verschwunden. Bald darauf rief mich ihre Schwester an: Sie machte sich ebenfalls Sorgen und meinte, meine Mutter sei verwirrt. Ich beschrieb die Situation einer Ärztin, die meinte, es sei offensichtlich, dass sie die verordneten Medikamente abgesetzt habe.

Da ich sie telefonisch nicht erreichen konnte, ging ich zu ihrer Wohnung, klopfte und rief ihren Namen. Erst nach einer Weile öffnete sie, wollte mich anfangs nicht hineinlassen, sie meinte, ich wolle sie umbringen. Meine Antwort war: „Eigentlich wollte ich dich nur besuchen und etwas reden.“ Schließlich ließ sie mich herein und wir tranken Tee.

Was folgte war freilich wie aus einem Fantasy-Film. Meine Mutter erzählte mir von allerlei Verschwörungen gegen sie, von Menschen, die angeblich versuchten, sie umzubringen. Schließlich fragte sie mich auch, ob ich denn eigentlich schon einen Sarg für sie gekauft habe. Ich blieb ruhig bei all dem und wunderte mich, sowohl über meine Mutter, als auch über meine eigene Reaktion. Trotz ihrer schrecklichen Wahnvorstellungen konnte ich nach einer Stunde, die wir miteinander verbracht hatten, sagen, dass es schön war, dass wir einander „begegnet“ waren. Wir waren einander trotz der scheinbar unmenschlichen Situation näher gekommen. Ihre abweisende Haltung war nach einer kurzen Zeit verschwunden, kein Vorwurf mehr, ich wolle sie „töten“, wir hatten eine angenehme Zeit miteinander. Wie kam das?

Zum Einen hatte ich die Hoffnung rasch aufgegeben, sie zu „bekehren“, sie zu einem Arztbesuch zu bewegen, oder dazu, wieder ihre Medikamente zu nehmen. Das hatte ich bereits bei ihrem ersten Krankheitsschub vor einigen Jahren probiert und es war vergebens gewesen. Nun hatte sie immerhin auch einen Sachwalter, der sich um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmerte und ihr regelmäßig Geld vorbeibrachte. Ich wollte sie also tatsächlich, ganz einfach „besuchen“, nichts weiter mehr. Immer wenn sie im Gespräch misstrauisch wurde, stellte ich unverfängliche Fragen, oder machte harmlose Anmerkungen. Was hatte ich schon zu erreichen?

Und genau darin lag der Schlüssel zur Begegnung mit meiner kranken Mutter: Ich wollte nichts von ihr, ich verurteilte sie nicht für ihren Zustand, sondern war froh, sie einfach sehen zu können. War es Gott, der mir die Kraft und Klarheit für diesen Blick gab? Wahrscheinlich. Zwischen heute und dem ersten Krankheitsschub meiner Mutter liegen einige Jahre des Weges im Glauben, den ich mit der Kirche, meiner Familie und der Gemeinschaft von Comunione e Liberazione zurückgelegt habe. Ich weiß nun: Die Krankheit hat nicht das letzte Wort über einen Menschen, der Wert eines Menschen liegt immer jenseits seiner Krankheit. Gott liebt meine Mutter und er liebt auch mich, der ich bei ihr sitze, was heißt, die Krankheit des anderen Menschen hat auch keine Macht über mich, weil meine Gewissheit ganz woanders liegt, in Christus, der mir in der Form der Weggemeinschaft und der Kirche über Jahre gezeigt hat, dass er hier und für mich da ist. Welche Angst sollten mir da die Wahnvorstellungen eines kranken Menschen machen, seien sie auch noch so grauenhaft?

Wie wichtig war es doch, „zu dritt“ dort zu sitzen: sie, ich …… und Christus.

Aus der Gemeinschaft von CL in Wien